Am Abend des 09. März 2026 besuchten die zwei Deutsch-Leistungskurse der MSS 12 eine Aufführung des gleichnamigen Stücks im Landgericht Trier. Der Spielort war kein Zufall, sondern im Inhalt des Werks begründet.
Hinweis: Dieser Bericht befasst sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt und deren Darstellung im Theaterstück „Prima Facie“!
Den Mittelpunkt des Monodramas verkörpert die Strafverteidigerin Tessa Ensler, die sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. In ihrer Kanzlei verteidigt sie unter anderem auch Männer, die aufgrund sexueller Übergriffe angeklagt sind. Ob diese tatsächlich schuldig sind, spielt für Tessa keine Rolle: für sie zählt der Grundsatz der Unschuldsvermutung. Frei von Gewissensbissen nimmt sie Zeugen ins Kreuzverhör und prüft Aussagen auf Widersprüche.
Nach einer Fallbesprechung kommt es zwischen ihr und ihrem Kollegen Julian zu Sex im Büro. Später verabreden sie sich erneut und verbringen nach einem Date Zeit in Tessas Wohnung. Was danach geschieht, verändert ihr Leben: Julian wird übergriffig und ignoriert Tessas Versuche, ihn aufzuhalten. Tessa wird von ihrem Kollegen in der eigenen Wohnung vergewaltigt.
Trotz des Schocks erstattet sie Anzeige. Nun sitzt sie erneut im Gerichtssaal – doch diesmal auf der Seite der Klägerin. Zum ersten Mal hinterfragt Tessa das System und das Gesetz, auf dem ihr gesamtes (Berufs-)Leben basiert. In ihrer Rolle als Opfer muss sie sich um Beweise kümmern, was ihr Trauma immer wieder hervorruft, während sich für Julian kaum etwas ändert. Ihr wird suggeriert, es sei mangels Beweise keine strafbare Vergewaltigung. Das Leben, das sie sich hart erarbeitet hat, zerfällt.
Mit dem Appell „Es muss sich etwas ändern“ erlöschen die Lichter. 90 Minuten lang hat die Schauspielerin Carolin Freund dem Publikum eine außerordentliche Perspektive auf ein zentrales Thema des Feminismus ermöglicht. 90 Minuten lang wurde unverhüllt den Tatsachen ins Auge geblickt, welchen Herausforderungen sich Frauen im heutigen Zeitalter stellen müssen: unverblümt ausgeleuchtet, teilweise kaum ertragbar.
Carolin Freund hinterließ durch ihre Textsicherheit, ihren körperlichen Ausdruck inklusive ihrer Betonung, Mimik und Gestik und ihrem selbstbewussten Auftreten einen sehr prägenden Eindruck in uns Schülerinnen und Schülern. Alles wurde von perfekt zur Situation angepassten Kostümen unterstrichen, welche Freund so schnell und unauffällig zu wechseln vermochte, dass kaum einer von uns es bemerkte. Auch die Lichteffekte schienen zu jedem Zeitpunkt der Aufführung optimal gesetzt zu sein. Egal ob tanzend, weinend oder oberkörperfrei: Carolin Freund erschien in ihrer Rolle so selbstsicher, dass sie sich den Applaus und die stehenden Ovationen für diese unfassbar emotional mitreißende Darstellung mehr als nur verdient hatte.
Durch sie wurde dem Problem der leider so häufig stattfindenden sexuellen Übergriffe Ausdruck verliehen. Die sehr detaillierte Darstellung der Vergewaltigung von Tessa Ensler hat laut eigenen Aussagen manche Schülerinnen und Schüler tief getroffen. Die Nachbesprechung des Stückes in den darauffolgenden Unterrichtsstunden zeigte den prägenden Eindruck: Schülerinnen und Schüler erlebten eine „innere Veränderung“, viele berichteten, sie hätten noch viele Stunden und Tage nach dem 09.März über das Thema nachgedacht. Auch der Fakt, dass jede dritte Frau einen sexuellen Übergriff o.ä. erleben muss, wurde von Carolin Freund im Stück inkludiert, was einige von uns besonders prägte. Die Frauen, die glücklicherweise noch nie Opfer von sexuellem Übergriff geworden sind, sollen durchschnittlich zumindest eine Frau aus ihrem Umkreis kennen, der dies widerfahren ist. Durchschnittlich wird alle zehn Minuten eine Frau auf der Welt Opfer von tödlicher Gewalt oder Missbrauch, wobei diese oftmals von Partnern oder Männern aus dem Bekanntenkreis ausgeht. „Den Daten zufolge findet die meiste sexuelle Gewalt im Kindesalter während der Pubertät statt, mit einem deutlichen Anstieg zwischen 14 und 17 Jahren. Studien zeigen, dass Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren haben, mit größerer Wahrscheinlichkeit wiederholt missbraucht werden.“, heißt es auf der Seite des Hilfswerks Unicef.
Diese grausamen und hohen Zahlen sind selbstverständlich erschreckend und schwer zu ertragen. Doch genau dort liegt der Fehler, beinahe jeder weiß, wenn auch nicht im Detail, dass die Daten sexueller Übergriffe, Femizide oder Kindesmissbrauch derart hoch sind, aber es ändert sich, vergleichsweise zum Leid der Opfer, wenig. Es muss mehr Hilfe, Unterstützung und Aufklärung über das Thema geben, Gesetze müssen so verändert werden, dass zumindest nicht „von 100 Frauen, die vergewaltigt wurden, nur etwa eine einzige eine Verurteilung [erlebt].“ (Tagesschau). Zu oft wird im Zweifel für den Angeklagten entschieden, Beweise oder Anklagen fehlen oder der Klägerin wird ganz schlicht nicht geglaubt.
Carolin Freund hat es erfolgreich geschafft, sowohl eine unglaubliche Schauspielkunst zu präsentieren als auch das Publikum von der so wichtigen Message tief zu überzeugen.
Es muss sich etwas ändern!
Ein Text von Naomi Wilkens, MSS 12